Eine schonungslose Erfahrung-Beichte eines Early Adoperts, Top 100-Buzz-Users und inzwischen hoffnungslosem Buzz-Abhängigen.
Oder - warum wir uns alle noch bald verdutzt die Augen reiben werden wenn wir erkennen WIE erfolgreich Buzz geworden ist.
Am 5. Februar 2010 war es soweit. Wie aus dem Nichts war Buzz da. http://www.youtube.com/watch?v=yi50KlsCBio
Ich hab nicht lang überlegt und ein paar Tage später ein neues Google Mail Konto angelegt und gestartet. Intuitiv wollte ich mein “echtes” GMail Konto nicht dafür hernehmen – und das ist vielleicht auch gut so.
Relativ schnell merkte ich dass Buzz etwas Besonderes ist. Keiner der Early Adopter wusste eigentlich wie Buzz funktioniert aber alle merkten sofort dass sich da etwas Interessantes entwickelt.
Genauso schnell wurde eine riesiges Privacy-Fass aufgemacht dass zunächst alles überlagerte. Es wurde nur noch DARÜBER diskutiert (in Buzz und um Buzz herum) aber eigentlich war das Thema schon nach ein paar Tagen keines mehr (außer bei den Buzz-Nichtnutzern und -Kritikern). Denn, man kann schon anerkennend sagen, Google hat sehr schnell reagiert und die gravierenden Punkte repariert und sich entschuldigt.
http://bit.ly/buzz_changes
Konkret: Man bekommt nicht mehr automatisch seine ganzen Google Mail Adressen (mit denen man viel “Verkehr” hat) via Auto-Follow verlinkt. Buzz ist jetzt viel deutlicher a) gar nicht zu verwenden b) wieder ganz abzuschalten. Aber das wichtigste ist, dass man c) die Auto-Follow-Vorschläge jetzt einzeln aktivieren kann. Mich berührte das ganze Thema persönlich weniger denn ich startete ja mit einem neuen, leeren Konto. Da gab es demnach auch nichts falsch (oder peinlich) zu verlinken.
Im Nachhinein kann man schon sagen dass sich Google das nach jahrelanger Planung und einjährigem internen Testbetrieb hätte denken können. Auf der anderen Seite wollten sie dass Buzz schnell in die Puschen kommt – und das ist ihnen auch gründlich gelungen.
Was finde ich toll? Es sind eigentlich drei Punkte: Leute, Offenheit und Relevanz.
Leute, Leute, Leute
Zunächst zum ersten Punkt. Wie kann ein neuer Dienst schon nach Tagen “wegen der Leute” interessante sein? Facebook und Twitter haben doch viel mehr User und laufen seit Jahren erfolgreich.
Nun es hat wahrscheinlich weniger damit zu tun das “alle” (gefühlten) 150 Millionen GMail User sofort Buzz verwendet hätten. Es hat damit zu tun dass (wahrscheinlich) ALLE Early Adopter die in der Internet- und Social-Networking-Szene etwas zu sagen haben (wollen) SOFORT wie die sprichwörtlichen Fliegen auf den neuen großen Haufen geflogen sind. Noch während der TED Konferenz hatte Robert Scoble über 4000 Verfolger zusammengeklickt. Gut – das ist kein Maßstab aber war wichtig für die Instant-Akzeptanz.
http://bit.ly/scoble_buzz
Wie wirkt sich das aus? So dass man sich verdutzt die Augen reibt WIE lebhaft, interessant und manchmal tiefsinnig Buzz-Diskussionen werden können.
Jetzt kommen wir gleich zu dem fundamentalen Unterschied von Buzz zu Twitter (insbesondere) und Facebook. Bei Buzz geht es ums Diskutieren. Es fühlt sich an wie eine Mischung aus Forum und Chat. Böse Zungen sagen ja auch “Usenet 2.0” oder “CompuServe reloaded”.
Aber was völlig fehlt (und das nervt mich bei Facebook ungemein) ist die Spiele-Pest mit unvermeidbaren Herzchen-Gifts und virtuellen Kissen auf der eigenen Wall. Genauso fehlen banale Alltags-Tweets und verqueres Internet-Steno mit #Tags und RT @Links wie auf Twitter.
Stop – “leider” kann man als Buzz-Feature Tweets verknüpfen und importieren und dann hat man sie wieder. Nur hat sich inzwischen unter Buzz-Usern rumgesprochen dass das kein guter Stil ist und dazu führt, dass man von den meisten sofort entfolgt wird. Buzz lediglich als weitere Veröffentlichungsplattform für die eigenen Twitter-Absonderungen zu verwenden geht völlig am Thema vorbei und ist nicht zielführend!
Bei Buzz kann man sich nämlich so richtig ausquatschen – und das wird auch gemacht. Und – jetzt kommt wieder das besondere: Da sind Leute dabei, mit denen man auf den anderen Plattformen (schon lange nicht mehr) persönlich in Kontakt treten kann. Mir hat tatsächlich Robert Scoble und Jason Calacanis (zu seiner Tesla Testfahrt) in einem Buzz locker geantwortet. Um Sascha Lobo kommt man gleich gar nicht herum. Der ist omipräsent und inzwischen auch Deutschlands erfolgreichster Buzzer (weltweit Top 50) - aber ich mag ihn ja. Und ja – es gibt inzwischen schon offizielle Buzz-User-Charts!
http://buzz-top.appspot.com/
Wie auch in Foren, wo sich interessante Leute mit Sachverstand, Witz und Zeitgeist tummeln, entwickeln sich manchmal geradezu Buzz-Thread-Juwelen. Die Bereitschaft schnell seinen Senf abzugeben ist frappierend. Es ist schon eher nicht die Regel auf einen Beitrag keine Reaktion zu bekommen. Das vermisse ich sehr auf Facebook und auf Twitter geht das gleich gar nicht. Twitter ist nicht darauf angelegt eine Gesprächskultur zu fördern.
Es kann schon sein dass das ein Anfangs-Effekt ist. Twitter-Early-Adopter berichten ähnliches: “Wisst Ihr noch damals – als Twitter noch toll war.” Aber im Moment ist es so. Fast jeder der in Social-Media was auf sich hält diskutiert mit Hingabe und Witz, initiiert eigene Buzzes und erfindet neue Formate. DIESER Aspekt von Buzz gefällt den meisten Buzz-User und wird als besonders empfunden.
Offenheit
Der zweite Punkt den ich an Buzz schätze ist die Offenheit. Google setzt auf offene Standards, die erst in der nächsten Zeit die volle Wirkung entfalten werden.
http://bit.ly/open_buzz
http://code.google.com/apis/buzz/
Das ist das krasse Gegenteil zu Facebook. Dort hab ich immer das Gefühl dass ich nichts “herausbekomme”. Facebook User sind irgendwie informelle Mitarbeiter bei Facebook die mit Ihrem benutzergenerierten Content den Silo auffüllen sollen. Rausnehmen und weiterverwenden soll niemand was. Facebook App-Entwickler werden da ganz anders hofiert. Aber das macht die Sache eigentlich nur noch bedenklicher für den Endbenutzer.
Versucht mal eure Facebook Kontakte zu exportieren, eine interessante Facebook-Diskussion (wenn sie überhaupt mal stattfindet) zu exportieren oder einen RSS-Feed der eigenen Pinnwand im eigenen Blog einzubinden. Das geht schlicht nicht und wird rigoros unterbunden. Man bekommt eher seinen Account deaktiviert weil Facebook meint dass man unerlaubt Datamining betreibt.
Buzz ist da ganz anders. Jeder öffentliche Buzz, der in der Timeline erscheint (zu vergleichen mit Home auf Twitter und Facebook), kommt in die eigene Inbox sobald man selbst einen Kommentar dazu abgibt. Man filetiert quasi ein Buzz-Filet aus dem mit mehr oder weniger fetten Fischen vollem Realtime-Fluss. Das tolle (und offene) dabei: Dieses Buzz-Filet “gehört” einem. Es liegt in der Inbox, kann kopiert und weiterverschickt werden und wenn man es einfach dort lässt wird es (auch nach Wochen) wieder reaktiviert (und als neu markiert) wenn jemand anderer etwas kommentiert.
Somit kann man interessante Diskussionen behalten und zweitverwerten und hat nicht das Gefühlt, dass der soziale Datensilo bei Facebook zwar immer voller aber auch unzugänglicher wird. Dass man von Facebook trotzdem dazu eingeladen wird die bald unzugänglichen Silo-Daten bitteschön (nur für andere) öffentlich zu machen macht die Sache richtig grotesk. Das ist, nach meinem Geschmack, ein unmögliches Konzept und ein schwarzes (Sicherheits)loch.
Relevanz
Und dann ist noch ein dritter Aspekt der mir gefällt. Man kann ja Google viel vorwerfen: Mangelndes Gefühl für Privatsphäre, krakenhafte Daten-Sammelwut und Weltherrschaftsgelüste. Aber suchen können sie. Google weiß wie man Dinge so sortiert und wiederfindet dass sie relevant werden und dabei Spam und Konsorten ausgefiltert werden.
Das spürt man schon jetzt bei Buzz. Die Timeline ist irgendwie immer magisch “richtig” und interessant. Es gibt zwar nicht die Unterscheidung wie bei Facebook zwischen “Top News” und “Most Recent” – bei Buzz gibt es quasi nur “Top News” - aber das funktioniert schon ganz gut. In einem Interview mit Sergey Brim auf der letzten TED Konferenz wird klar wie wichtig dieses Google-Relevanz-Know-How für Buzz sein wird. Das lässt hoffen.
http://techcrunch.com/2010/02/09/sergey-brin-google-buzz/
Auch kann man sagen dass Google bis dato nicht wirklich verstanden hat wie soziale Medien funktionieren. Viele meinen noch immer: “Google soll weiter nett suchen und Ad-Words ausspielen – Social können sie nicht.”
Das hat sich mit Buzz grundlegend geändert. Orkut ist vielleicht nur eine lokal begrenzte Fingerübung. Wave ein Ablenkungsmanöver, dass viel mit gemeinschaftlicher Dokumentennutzung aber rein gar nichts mit Social Media zu tun hat. Wir sollten das nur alle glauben und sagen: “Wave ist nix im Vergleich zu Facebook und Twitter.” Das stimmt ja auch – denn das war auch nie geplant. Buzz ist die soziale Lösung für Google.
Resumee
Buzz steht nach etwa zwei Wochen noch immer ganz am Anfang. Die “Software” ist zwar (vielleicht) genial angelegt aber noch sehr unfertig. Viele zusätzliche Schalter und Funktionen werden benötigt. Aber das wird kommen und Buzz wird mit Sicherheit bald noch toller als es jetzt schon ist – da bin ich ganz sicher.
Mir kommt es so vor wie wenn Google 5 Jahre lang Facebook und Twitter analysiert hat, intern an einem Gegenentwurf gearbeitet hat, alle mit Wave an der Nase herumgeführt hat um jetzt den großen Buzz loszutreten. Völlig überraschend und mit einem (gewollten?) kritischen Medienecho. Selbst im ZDF Morgenmagazin gibt es Sondersendungen zum Thema Datensicherheit und Google.
http://bit.ly/google_zdf
Mehr Publicity kann man sich eigentlich nicht wünschen zum Start eines neuen Produkts.
Meine Vorhersagen? Facebook wird bleiben und wachsen – das ist etwas anderes als Buzz. Twitter wird Werbung einführen und damit auf die Nase fallen und einen Benutzerschwund erleben. Buzz wird der neue Star am Social Media Himmel – ganz ohne viralen Spielkonzepten.
Das makabere (und damit ein guter Grund Buzz DOCH nicht zu verwenden): Google braucht keinen Datensilo für Buzz. Die ganze Firma mit allen Produkten ist schon einer. Und wir sind mit fast allem schon drin.
a vichr - Google Buzz Profile